Pflege: Ein neuer Blick auf Wert
Vor 13 Jahren entschied ich mich, aus der Automobilindustrie in die Pflege zu wechseln. Ursprünglich habe ich Betriebswirtschaftslehre in Münster und England studiert und war knapp 10 Jahre international in der Automobilzulieferer-Industrie tätig.
In meinem ersten Semester lernte ich bei Prof. Dr. Buchholz, dass Wert nicht durch Wunsch entsteht, sondern volkswirtschaftlich berechnet wird. Oft denken wir dabei reflexartig an BIP und Finanzkennzahlen. Doch Wert kann auf vielfältige Weise gemessen werden!
In Deutschland liegt der Fokus traditionell auf Industrie und Produktion. "Wert" wird hier nach dem Grad der Wertschöpfung berechnet, was der Automobilindustrie Ansehen, Einfluss und Macht verschafft. Im Gegensatz dazu erhält die Pflege Applaus von den Balkonen und kämpft gegen den Mangel.
Doch warum wird Wertschätzung in Deutschland oft ausschließlich mit produktiver Wertschöpfung gleichgesetzt?
Wir leben nicht mehr in den industriegeprägten 50er oder 70er Jahren. Neue Zeiten erfordern neue Ansätze. Wir müssen den Wert sozialer Arbeit neu bewerten. Über 400.000 Menschen arbeiten mehr in der Pflege als in der Automobilproduktion. Die Pflege ist nicht unproduktiver – der wahre Wert für Mensch und Gesellschaft geht weit über Finanzdaten hinaus.
1. Was ist mehr Wert? Ein pulsierender Herzschlag oder ein geschmierter Motor?
2. Was ist mehr Wert? Ein Tod in Würde oder eine Abwrackprämie?
3. Was ist mehr Wert? Ein Produkt oder ein Menschenleben?
Wenn die Pflege ein Auto wäre, dann wären die Orte nationalen Stolzes unsere Krankenhäuser und Pflegeheime und nicht die Automobilproduktion!