PFLEGE IST MEHR ALS MEDIZIN

Der Tag an dem mein dritter Sohn geboren wurde, war wie ein Wirbelwind. Die Geburt war sehr schnell und heftig verlaufen.

„Ihr Sohn hat eine neonatale Anpassungsstörung“, sagte der Arzt. „Bei Neugeborenen kann es kurz nach der Geburt vorkommen, dass sich Atmung, Kreislauf oder andere Körperfunktionen noch nicht vollständig auf das Leben außerhalb des Mutterleibs eingestellt haben. Er muss auf die Kinder-Intensivstation.“

Wenig später stand ich allein in einem Raum voller Monitore und Pieptöne. Meine Frau war noch auf der Geburtsstation um sich zu erholen. Ich stand da, verloren zwischen Technik und Sorge, und sah auf dieses kleine Bündel Mensch in seinem Bettchen – voller Kabel, voller Fragen. Er hatte noch immer ziemlich zu kämpfen.

„Hängen Sie sehr an Ihrem T-Shirt?“ fragte mich plötzlich eine sehr erfahrene Kinderkrankenschwester.
Auf Ihrem Namensschild las ich „Schwester Michaela, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin.“ „Hier ist eine Schere, schneiden Sie oben bis zur Hälfte ihr T-Shirt ein. Was ihr Sohn jetzt braucht ist Nähe, Verbundenheit, Liebe.“

Sie wies mir einen Stuhl zu, beugte sich über das Bett, löste vorsichtig die Sensoren - und legte den kleinen Mann auf meine nackte Brust.

„Sagen Sie den Ärzten morgen einfach nichts davon“, flüsterte sie. „Aber glauben Sie mir – das ist die beste Medizin.“
Ich vergesse diesen Moment nie.

Ich spürte seinen warmen Körper, seinen Atem und seinen Herzschlag. Und er spürte meinen.
Bauch auf Bauch, Herz an Herz.

Eine gefühlte Ewigkeit saßen wir so da, und immer wieder kam Schwester Michaela vorbei, schaute nach uns, nach ihm. Mit jeder Stunde stieg sein Sauerstoffgehalt, beruhigte sich seine Atmung, regulierte sich sein Puls.

Am nächsten Morgen war er topfit. „Da hat er sich aber sehr schnell gemacht“, sagte die Kinderärztin überrascht. „Alle Werte sind in Ordnung. Sie können ihn mitnehmen.“
Und heute – Jahre später – kommt er noch oft ganz leise zu mir, legt sich einfach auf meinen Bauch. Sagt nichts. Atmet. Und ich halte ihn fest. So wie damals. Bauch auf Bauch. Herz an Herz.

Dann denke ich an Schwester Michaela.
An ihre Intuition. Ihre Erfahrung. Ihre Profession.

Für mich ist sie genauso kompetent wie jede Kinderärztin.
Vielleicht sogar ein bisschen mehr.

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PFLEGE UND REICHTUM

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„DU BIST JA GAR KEINE PFLEGEKRAFT“